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Veranstaltungskalender

Der RSC beim Ötztaler Radmarathon PDF Drucken E-Mail

„Ich habe einen Traum…“. So lautet seit einigen Jahren das Motto des Ötztaler Rad-Marathons mit Start und Ziel in Sölden.

238 Kilometer Gesamtstrecke, 5.500 Höhenmeter – vielleicht doch eher ein Albtraum

Vier RSC-Sportler wollten dieser Frage nachgehen. So standen Stephanie Brüning, Sandra Richter, Martin Diederichs und Christian Schäffer am frühen Morgen des 26. August in der Startaufstellung in Sölden – zusammen mit rd. 4.000 anderen Radsportverrückten aus über 30 Nationen.

Startschuss um 6:45 Uhr – das Feld setzt sich hinter dem Wagen des Rennleiters langsam in Bewegung, vorne drin die Favoriten um Ullrich, relativ am Ende das Team ENZIAN (Stephanie, Sandra, Christian). Während sich Martin als bekannt starker Fahrer mit viel Rennerfahrung schnell nach vorne arbeitet, lassen wir es locker angehen. Unser Ziel: Einfach nur Ankommen ! Dass „einfach“ gar nicht so einfach ist, sollten wir bald merken…

Die Veranstaltung spukte schon geraume Zeit in unseren Köpfen herum, gilt sie doch als der Ritterschlag für jeden ambitionierten Radsportler. Und das Finish er-Trikot lockt natürlich ! Streif es über und du spürst die bewundernden und ehrfürchtigen Blicke deiner Vereinskameraden. Der Ötztaler…

„Wann war Kontrollschluss am Brenner?“ Die Frage meiner Frau reißt mich aus meinen Träumen. „12:34 Uhr, glaub ich!“ Damit man noch bei Tageslicht in Sölden ankommt, hat der Veranstalter verbindliche Zwischenzeiten festgelegt, bei deren Unterschreitung die furchtbarste aller Strafen droht: DER BESENWAGEN !

Ein Frösteln durchschauert meinen Körper, was nicht nur an den frischen 6 Grad Außentemperatur liegt.

Auf der Strecke viele Zuschauer, vor allem in den Ortschaften. Der Applaus macht Mut für den ersten Anstieg des Tages: KÜHTAI, 19 Kilometer, 1.200 Höhenmeter

Bald sind wir im leichtesten Gang. Rampen bis zu 18 % Steigung. Bloß nicht zu schnell angehen, der Tag ist noch lang. Oben angekommen streifen wir erst mal die Regenjacke über, da es doch sehr frisch ist. Schnell die Flaschen auffüllen, etwas essen und dann rein in die Abfahrt nach Innsbruck. Saukalt ! Nach rd. 10 Minuten fangen meine Zähne an zu klappern. Wie mag das erst am Abend am Timmelsjoch werden ? Da sind wir noch 500 Meter höher und die Sonne wird schon untergegangen sein !

Durch Innsbruck sind wir rasch hindurch, es beginnt der lange Anstieg zum zweiten Pass: BRENNER, 39 Kilometer , 800 Höhenmeter. Wir finden eine Gruppe mit gutem Tempo und fahren recht zügig immer parallel zur Brennerautobahn. Kurz vor der Passhöhe noch ein Steilaufschwung mit 12 %, das 30er Ritzel hinten leistet gute Dienste. An der Verpflegung der bange Blick auf die Uhr: Wir sind noch im Limit, aber lange aufhalten dürfen wir uns nicht. Avanti, Avanti !!! (schließlich sind wir jetzt in Italien)

Die Abfahrt nach Sterzing absolviere ich zum Glück diesmal ohne Zähneklappern. Viel Zeit zur Regeneration bleibt nicht, um 14:40 Uhr müssen wir auf dem Jaufenpass sein. Dazwischen liegen 16 Kilometer Anstieg mit 1.100 Höhenmeter. Die ersten Kehren kurbeln sich noch gut, doch es wird langsam zäher. Oberhalb der Baumgrenze wird der Blick frei auf den Schlussanstieg zum Jaufenpass. Tiefschwarze Wolken und einzelne Blitze verheißen nichts Gutes für die gefährliche Abfahrt nach St. Leonhard.

 Rund 1 Kilometer vor dem Gipfel herrscht an der Verpflegungsstation Weltuntergangsstimmung. Sturmböen zerren an den Zelten, Regen setzt ein. Nach Auskunft der Rennleitung ist auf der Abfahrt das Wetter extrem schlecht. Außerdem sind wir sehr knapp in der Zeit. Langsam wird mir klar, dass ich die Sache wohl etwas unterschätzt habe. Kaum rennradspezifische Vorbereitung, kein ausgefeiltes Trainingsprogramm, als Generalprobe eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike. Wie kann man so naiv sein?

Jetzt müssen wir zeigen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Viele sagen, der Ötztaler fängt eigentlich erst hinter dem Jaufenpass an. Also Regenklamotten an und hinein in die Abfahrt. Schöööön langsam ! Überall Längsrillen, nasse Fahrbahn, starke Böen peitschen kalten Regen ins Gesicht. Und dann ein Sturz ! Der Wind drückt Sandra eine herrenlose Trinkflache unters Vorderrad, Abflug! Oh Gott, (der schöne neue Karbon-Renner) meine Frau, denke ich. Zum Glück nur leichte Kratzer am Schnellspanner und am Sattel. Sandra zittert wie Espenlaub vor Schreck und Kälte, das aufgeschürfte Knie sieht auch nicht so gut aus. Ein Bus fährt an uns vorbei. Durch die Scheiben sieht man erschöpfte Menschen mit leerem Blick, hinten ein großer Kasten für die Rennräder, am Heck ein großes rotes Schild: BESENWAGEN

Der Fahrer hält und schaut uns fragend an. Wir schauen uns an. Und sehen es im Blick des anderen: Wilde Entschlossenheit. Besenwagen ? Kommt nicht in Frage!  Wir fahren keine 200 Kilometer um dann von so einem dämlichen Bus in Sölden ausgespuckt zu werden!

Also wieder rauf aufs Rad und runter nach St Leonhard. Der Regen wird schwächer und zum Glück wird es spürbar wärmer. Richtung Timmelsjoch zieht der Himmel auf und einzelne Gletscher leuchten in der Sonne. Hoffnung keimt auf !

Der Anstieg zum Timmelsjoch ist rd. 29 Kilometer lang und hat 1.800 Höhenmeter am Stück. Für sich alleine schon eine durchaus anspruchsvolle Tour. Wir haben bereits 190 Kilometer auf dem Tacho und 3.500 Höhenmeter in den Beinen. Aber wir bekommen langsam die zweite Luft ! Die Beine kurbeln wie automatisch. Viel Kraft ist nicht mehr da, wir sind jetzt im Reservemodus. Die letzte Labe Station in Schönau erreichen wir rd. 40 Minuten vor Kontrollschluss. Wenn jetzt kein Einbruch mehr kommt, können wir es doch schaffen. Das „Beste“ haben sich die Veranstalter ganz zum  Schluss aufgehoben. Das Timmelsjoch wird zum Ende immer steiler. Endlose Serpentinen türmen sich im Steilhang über uns auf. Wer bitteschön kommt auf die Idee, hier eine Straße zu bauen? Mussolini ? Na Bravo !

Die Sportkameraden um uns herum sehen auch nicht mehr taufrisch aus. Viele schieben ihr Rad, weil Krämpfe zum Absteigen zwingen oder der Wackelpudding in den Oberschenkeln bei 14 % schlicht den Dienst quittiert. Die Zuschauer feuern uns an, treiben uns nach oben. Dann endlich sehen wir den Tunneleingang an der Passhöhe. Schnell die warmen Klamotten an und rein in die letzte Abfahrt. Zeit passt gut ! Es wächst das Gefühl, dass uns nun nichts mehr in Gefahr bringen kann. Die Abfahrt ist wieder sehr kalt, verläuft aber diesmal ohne weitere Zwischenfälle.

Ortsschild Sölden. Es ist schon ziemlich dunkel. Trotzdem stehen noch viele Menschen am Straßenrand und feuern uns an. Wir biegen von der Hauptstraße nach rechts ein Richtung Freizeitarena und überfahren die Ziellinie nach 13 Stunden. Martin nimmt uns in Empfang und klopft uns auf die Schulter (er ist bereits seit vier Stunden im Ziel, frisch geduscht und umgezogen, Wahnsinn!)

Die Zuschauer im Zielraum beobachten uns mit großem Interesse. Wir spüren die anerkennenden Blicke, auch wenn man mit der Zeit keinen Blumentopf gewinnen kann. Noch vor zwei Stunden waren wir uns einig: Eine solche Strapaze brauchen wir kein zweites Mal.

Ich bin mir da allerdings nicht mehr ganz so sicher.

 

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